Schwerpunkt
Wie Kinder Streit erleben

Konflikte und Auseinandersetzungen kommen in allen Familien vor. Manche Eltern sind der Ansicht, dass Kinder keinen Streit zwischen den Eltern mitbekommen sollten, da er ihnen Angst macht und sie überfordert. Andere Eltern meinen, dass Kinder lernen können, mit Konflikten umzugehen, wenn sie es sich bei ihnen abgucken. Richtig ist, dass kleine Kinder überfordert sind, wenn sich ihre Eltern häufig und laut vor ihnen streiten und Türen schlagen. Es macht ihnen große Angst und verunsichert sie, wenn sich die wichtigsten Menschen in ihrem Leben streiten. 

Richtig ist aber auch, dass Kinder spüren, wenn ein Konflikt in der Luft liegt und die Eltern angespannt sind, sticheln oder überhaupt nicht miteinander reden, ohne den Konflikt auszutragen und zu lösen.

Eltern sollten lernen, ihre Konflikte offen und konstruktiv zu bewältigen. Dazu kann es auch mal gehören, dass Kinder einen Streit miterleben. Wichtig ist, dass die Eltern sich dann nicht beschimpfen, anschreien oder sogar körperlich aggressiv werden. Außerdem sollten Eltern ihrem Kind im Nachhinein erklären, was passiert ist, wie zum Beispiel: »Papa war sauer auf Mama, weil sie etwas Wichtiges vergessen hat. Das hat ihn so geärgert, dass er Luft ablassen musste. So, wie du auch manchmal wütend wirst, wenn du dir etwas wünscht und es nicht bekommst. Wir haben das aber geklärt. Mama und Papa haben sich trotzdem noch sehr lieb.« Kinder können so lernen, dass Meinungsverschiedenheiten gelöst werden können, ohne dabei den anderen zu verletzen oder zu demütigen.

Trennung und Scheidung

Die Trennung der Eltern ist für Kinder ein einschneidendes Ereignis, weil die sicher geglaubte Welt, auf die sie sich bisher verlassen haben, aus den Fugen gerät. Sehr kleine Kinder reagieren häufig mit Ängsten und Schlafstörungen. Sie nässen wieder ein oder wollen nicht mehr allein schlafen. Manche wirken auch verstört, gereizt oder aggressiv. Schulkinder reagieren häufig traurig, hilflos oder zornig. Manchmal lassen ihre schulischen Leistungen nach. Manche Kinder schämen sich, ihren Freund*innen oder der Klassenlehrer*in von der Trennung zu berichten. Ältere Kinder machen sich Sorgen um ihre Eltern und übernehmen Verantwortung, für die sie eigentlich noch zu jung sind. Sie kümmern sich zum Beispiel um den Haushalt oder ihre kleineren Geschwister. Jugendliche zeigen in einem Moment Verständnis für die Entscheidung der Eltern, weil sie ihre Konflikte längst mitbekommen haben, im nächsten Moment drücken sie mit großer Heftigkeit ihre Enttäuschung über den Verlust der intakten Familie aus.


Kinder brauchen Zeit und Geduld, um sich an die grundlegende Veränderung ihrer Welt zu gewöhnen und die Trennung der Eltern zu akzeptieren. Auch wenn die Eltern durch die Trennung selbst sehr belastet sind, sollten sie ihren Kindern weiterhin Aufmerksamkeit und Zuneigung zeigen und mit ihnen so viel Zeit wie möglich verbringen.


Es ist sehr wichtig für Kinder, dass beide Eltern verfügbar bleiben. Manchen Eltern ist dies nicht möglich. Sie wünschen sich, dass die Ex-Partner*in vollständig aus ihrem Leben und damit auch aus dem des Kindes verschwindet. Solche Wünsche sind verständlich. Mit der Zeit nehmen aber meist die Gefühle der Kränkung, Verletzung und Wut ab und die Sicherheit im neuen Leben nimmt zu. Vielleicht ist dann ein geregelter Kontakt mit der Ex-Partner*in möglich. Sollte auch dies nicht gelingen, kann es hilfreich sein, sich professionelle Hilfe zu suchen. Professionelle Hilfe ist auch dann ratsam, wenn sich die Eltern nicht über das Sorge- und Umgangsrecht einigen können.

Wo finden wir Hilfe?

Wir können uns über das Sorge- und Umgangsrecht nicht einigen

Wenn sich Eltern scheiden lassen, muss geklärt werden, wer zukünftig das Sorgerecht hat und wie der Kontakt zwischen Eltern und dem Kind geregelt (»Umgang«) sein soll. Am besten ist es, wenn sich die Eltern bereits im Vorfeld des Scheidungsantrags über die Gestaltung der elterlichen Sorge und des Umgangs geeinigt haben. Das Familiengericht wird in jedem Fall das zuständige Jugendamt informieren, das Eltern Unterstützungs- und Beratungsmöglichkeiten anbietet. Es liegt aber bei Ihnen, ob Sie das Angebot annehmen möchten.

Wenn Sie sich nicht über das Sorgerecht und die Kontaktregelungen einigen können, ist es die Aufgabe des Jugendamtes, gemeinsam mit Ihnen im Interesse des Kindes zu einer raschen Klärung und Entscheidung zu kommen. Dabei wird eine einvernehmliche Konfliktlösung angestrebt. Eine Mitarbeiter*in des Jugendamtes führt dazu Gespräche mit Ihnen und Ihrem Kind, um die familiäre Situation kennenzulernen und um abzuklären, ob eine weitere Beratung notwendig ist. Können sich die Eltern daraufhin auf eine gemeinsame Lösung einigen, so unterstützen Jugendamt und Familiengericht grundsätzlich den einvernehmlichen Vorschlag der Eltern, sofern dieser aus gerichtlicher Sicht dem Wohle des Kindes entspricht. Können die Eltern sich nicht einigen, können sie weitere außergerichtliche Streit- und Schlichtungsangebote wahrnehmen. Das Gericht kann die Teilnahme an solchen Angeboten sogar anordnen. Erst, wenn dann immer noch keine einvernehmliche Lösung gefunden werden kann, entscheidet das Familiengericht, welche Sorgerechts- und Umgangsregelung am besten dem Wohl des Kindes entspricht.

Erste-Hilfe-Tipps für Eltern

1. Streiten Sie sich – wenn möglich – nicht vor Ihrem Kind!

Einer Trennung gehen häufig heftige Konflikte zwischen den Eltern voraus. Versuchen Sie, sich nicht vor Ihrem Kind zu streiten. Kinder ängstigt es sehr, wenn sich die beiden wichtigsten Personen in ihrem Leben vor ihren Augen streiten. Verschieben Sie die Auseinandersetzung zum Beispiel auf die Zeit, wenn das Kind schläft. Wenn das Kind doch einmal einen Streit erlebt, erklären Sie ihm, dass es nicht schuld an dem Streit ist und dass Sie es liebhaben.


2. Sprechen Sie mit Ihrem Kind über die Trennung! 

Es ist wichtig, dass Sie mit Ihrem Kind über die bevorstehende Trennung sprechen – auch wenn es schwer ist. Vermitteln Sie Ihrem Kind immer wieder, dass Sie beide es liebhaben und dass es keine Schuld an der Trennung trägt. Sprechen Sie mit Ihrem Kind rechtzeitig über anstehende Veränderungen (verschiedene Wohnungen, wie Sie sich mit dem Weg zur Kita oder den Wochenenden abwechseln, Besuche, Anrufe), damit es sich darauf einstellen kann. Diese Absprachen sollten so konkret wie möglich sein. Versuchen Sie, die Wünsche des Kindes so weit wie möglich zu berücksichtigen. Dinge, die das Kind gerne mag (regelmäßiger Nachmittag mit den Großeltern, Fußballverein) sollten fortbestehen. Wenn möglich führen Sie diese Gespräche gemeinsam. Das zeigt ihm, dass Sie die Entscheidung gemeinsam getroffen haben und noch beide für es da sind. Rechnen Sie mit heftigen Reaktionen des Kindes. Es kann tief verzweifelt oder wütend sein oder sich weigern, die Trennung wahrhaben zu wollen. Meist braucht es mehrere solcher Gespräche, bis das Kind sich an die neue Situation gewöhnt hat.


3. Trennen Sie zwischen Partnerschaftsproblemen und gemeinsamer Erziehungsverantwortung! 

Kinder sollten auf keinen Fall zum Spielball zwischen den streitenden Eltern werden. Beschweren Sie sich nicht vor Ihrem Kind über Ihre Ex-Partner*in, schütten Sie nicht Ihr Herz bei Ihrem Kind aus und ziehen Sie Ihr Kind nicht auf „Ihre Seite“. Für das Kind sollten Sie gemeinsam verantwortlich bleiben, auch wenn Sie kein Paar mehr sind. Es ist wichtig, dass Ihr Kind merkt, dass Sie noch beide für es da sind, auch wenn Sie nicht mehr zusammenleben.

Wo finden wir Hilfe?

  • Familien- und Erziehungsberatungsstellen bieten Hilfe bei Partnerschaftsproblemen an und begleiten Paare auch bei Trennungen (Beratungsstellen-Suche nach PLZ) www.bke.de
  • Wenn Ihr Kind sehr unter der Trennung leidet und psychische Auffälligkeiten zeigt, können Gespräche bei einer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*in helfen.

Wenn Sie mehr wissen wollen