Kilos, die schwinden, und die Suche nach den Gründen

Manchmal ist es gar nicht so einfach, ein bedrückendes Gefühl genauer zu beschreiben. »Ich verlor mich in mir selbst und verstand nicht, was los war«, erinnert sich Gudrun,

17 Jahre. Nichts war mehr einfach und richtig, über allem lag eine Last, die lähmte, doch es war gar nicht so einfach zu sagen, worunter sie eigentlich litt. Die Gefühle waren eine Mischung aus traurig, wütend und auch einsam. Die dramatische Folge aber war: Gudrun nahm immer mehr ab, gefährlich viel ab. Deshalb willigte sie auch ein, sich aufgrund ihrer Magersucht in einem Krankenhaus behandeln zu lassen. 

Die Kinderärztin hatte die schwere psychische Erkrankung erkannt. Gudrun hatte stark an Gewicht verloren und wog nur noch 48 Kilogramm, bei einer Größe von 1,70 Meter. Seit zwei Jahren litt sie bereits unter depressiven Stimmungen und verschiedenen körperlichen Beschwerden. »Die Untersuchungen ergaben schnell, dass keine körperlichen Ursachen für das Untergewicht vorlagen«, erklärt Ingrid Kolleck, Oberärztin am St. Joseph-Krankenhaus in Berlin. Eine psychotherapeutische und psychiatrische Behandlung begannen.

Gudrun war nicht davon begeistert, ins Krankenhaus zu müssen, verstand aber, dass sie mehr essen und wieder zunehmen musste. Sie machte mit und hielt sich vor allem an die Essenspläne. »Ich will wieder nach Hause«, dachte sie und aß sogar mehr als vorgesehen. »Wenn ich zunehme, kann ich vor Weihnachten nach Hause und auch wieder Freunde sehen.« Montags, mittwochs und freitags stand sie auf der Waage und die zeigte schließlich 55 Kilogramm. 

Doch die Gründe für ihre Magersucht hatte sie bis dahin noch nicht verstanden. Kaum war sie wieder zu Hause, nahm sie wieder stark ab. Wieder war sie in einen Kreislauf geraten: »Keine Lust auf gar nichts. Nicht auf Schule, nicht auf Sport, nicht auf Essen.« Wieder beherrschte sie der Gedanke: »Iss das nicht, sonst nimmst du zu!« Nach acht Wochen war sie erneut auf der Kinder- und Jugendlichenstation des

St. Joseph-Krankenhauses.

Beim zweiten Mal nahm sie die Frage »Woher kommt das alles?« viel ernster. Zweimal in der Woche sprach sie mit der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Lina Wagner über das, was zu Hause passiert war. Vor drei Jahren war der Vater gestorben. Sein Tod hatte in der Familie viel verändert. Gudrun übernahm immer mehr Aufgaben im Haushalt und »schluckte die Sachen runter«, die sie ärgerten. Sie war häufig allein zuhause und spürte: »Es geht mir nicht so gut.« In der Psychotherapie verstand sie genauer, warum ihr das Leben schwerer wurde: Weil sie den Ärger nicht ausdrückte. Weil sie sich zurückzog. Weil sie sich allein fühlte. Ihr Vater fehlte ihr sehr und mit ihrer Mutter stritt sie viel zu häufig.

»Beim ersten Mal in der Klinik beschäftigte sich Gudrun sehr viel mit dem Essen«, berichtet die Psychotherapeutin Lina Wagner. »Beim zweiten Mal war unser Austausch viel intensiver, nicht nur in der Einzeltherapie, sondern auch in vielen Krisengesprächen auf der Station.« Gudrun war auch auf der Station immer wieder verzweifelt, weil sie diesmal nicht so einfach an Gewicht zunahm und weil sie noch nicht wusste, was sie machen kann, damit die bedrückenden Gefühle wieder verschwinden. Diesmal blieb sie fünf Monate im Krankenhaus.

Mit der Zeit und den Gesprächen lernte sie, besser zu verstehen, warum es ihr schlecht ging. Sie lernte aber auch: »Was kann ich tun, damit es mir besser geht?« Nicht abzutauchen, sondern achtsam zu bleiben. Das Essen, das sie kaute, auch zu schmecken. Den Wind, der durch die Bäume weht, zu sehen und zu hören.

Zu merken, wenn ihr die Diskussionen mit der Mutter zu Hause zu viel wurden und zu sagen »Den Streit will ich jetzt nicht!« und ins eigene Zimmer zu gehen. »Beim zweiten Mal in der Klinik wurde mir klar, dass ich mich auch mit meinen Gedanken und Gefühlen auseinandersetzen muss«, sagt Gudrun und zeigt auf ihren Kopf. Mit der Zeit keimte die Hoffnung, »dass ich das auch zu Hause gut hinkriege, was ich in der Klinik lerne«. An Wochenenden hatte sie ihre neue Selbstsicherheit bereits erprobt: »Wie stabil bin ich, wenn dies oder das passiert?« Gudrun erkennt inzwischen genauer, welche Erlebnisse bei ihr welche Gefühle auslösen. Sie weiß, was sie tun kann, wenn es wieder schwierig wird, und dass sie »in schwierigen Situationen handeln muss«, damit sie nicht wieder krank wird. 

Auch nach der Entlassung aus dem Krankenhaus sieht sie weiter ihre Psychotherapeutin. Sie fühlt sich nicht mehr allein und sie weiß, dass die Magersucht zurückkehren kann. Warum dieser Gedanke »Iss das nicht, sonst nimmst du zu!« ihr Leben beherrschte, versteht sie inzwischen viel besser. Und wenn sie gefragt wird, was sie anderen raten würde, die jede Kalorie zählen und fürchten, dann empfiehlt sie, sich bei einer Magersucht in einer Klinik behandeln zu lassen. Erst die klare Entscheidung »Ich bin krank und ich brauche Hilfe« habe es ihr möglich gemacht, wieder gesund zu werden. Eine Magersucht kann lebensgefährlich werden, weil die Patient*innen immer mehr an Gewicht verlieren. Doch Gudrun sagt inzwischen: »Es geht nicht um die Kilos. Es geht darum, sich selbst besser zu verstehen.«